Ja klar, mach ich. – Erkenntnisse über Burnout

Burnout ist wohl das Buzzword unserer Generation. Die einen fühlen mit, die anderen belächeln es. Entgegen vieler Stimmen, die sagen, dass Burnout eine neumodische Erfindung ist, können viele Deutsche sagen: Nein, ist es nicht. Hier möchte ich heute nicht über Burnout generell schreiben, sondern meine Gedanken loswerden, wie man in die Falle tappt. Ohne funktionierende Lösung, was man dagegen tun kann. Entweder man ist anfällig, oder eben nicht. Vielleicht erkennt sich ja der ein oder andere hier wieder und kann dem Ausbrennen noch entkommen.

Ja klar, mach ich.

„Ja klar, mach ich.“ Das war meine Standard-Antwort auf alles. Seit ich denken kann. Dabei ist es völlig egal, ob es um Aufgaben im Job gegangen ist, um die Uni oder auch um das Helfen beim Umzug, Renovieren, After-Party-Putzen…

Es geht sogar so weit, dass man mich nicht mal um etwas bitten muss(te). Sobald eine Aufgabe irgendwo aufgetaucht ist, habe ich mich drum gekümmert. Delegieren? Oh, das war eine Seltenheit. Lieber selber machen, dann wird es auch gescheit. Immerhin habe ich hohe Ansprüche.

Jede Aufgabe ist eine Möglichkeit!

Dass man sich an der Uni nur für maximal zwei Wahlfächer pro Semester entscheiden durfte, war die reinste Folter für mich. Da gibt es etwas, was erledigt werden kann, dann mach ich das. Immerhin hatte jedes dieser Fächer mit einer Problemlösung zu tun und das hat anscheinend irgendwas in mir getriggert.

Als mir vorgeschlagen wurde der Fachschaft unserer Fakultät beizutreten, war das viel zu fatal gut. Eine unfassbare Menge an Aufgaben (aka Möglichkeiten) sprudelten auf mich ein und ich war im Paradies. Anscheinend hatte sich meine Mentalität mit Aufgaben umzugehen, auch schon herum gesprochen. Noch im gleichen Jahr, als ich eintrat, wurde ich stellvertretende Sprecherin. Also das zweithöchste Tier im Club. Und kurze Zeit später wurde mir gegenüber argumentiert, dass man nur dabei bleibt, wenn ich mich zur Sprecherin wählen lasse. – Von kandidieren war da gar keine Rede. Ich sollte gleich gewählt werden.

Verantwortlich für alles.

Nachdem ich also einvernehmlich und ohne Gegenstimme zur Obermutti der Architektur-Studierenden gewählt wurde, schwamm ich in einem Meer von möglichen Aufgaben. Die Liste war schier unendlich. Es gab irgendwo Stress mit einem Lehrgebiet? Ich war Ansprechpartner. Es gab irgendwo noch keinen studentischen Vertreter in einem Gremium? Klar, mach ich! Und schwupp war ich in mehreren Gremien und hatte einen vollen Terminplan.

Immer was zu tun.

Terminpläne hatte ich viele. Zum Glück kann man auf dem iPhone ja verschiedene Kalender anlegen. Und die liefen immer alle parallel. Studium, Fachschaft, AStA, Gremien, Job, Job 2, Freunde, Sport. So hießen meine Kalender. Und meine Freunde können bestätigen, dass bis auf Freunde und Sport alle in etwa die gleiche Priorität hatten. Freunde und Sport hingen natürlich hinterher und es war nicht selten, dass man für einen Sonntags-Brunch mit meiner Anwesenheit 6 Wochen vorher Bescheid sagen musste.

Keine Prioritäten

Alles war gleich-wichtig. Ob es der bezahlte Brotjob war, die Abgabe für die Uni oder das 10. Treffen einer Fachschaftsgruppe die Woche, alles war gleich wichtig. Meine Liste hatte nur „Platz 1“-Wichtigkeiten. Einmal zugesagt, war es wie in Stein graviert. Da gab es kein „vielleicht“ mehr und abgesagt wurde nur, wenn ich todsterbenskrank mit Virus im Bett lag und ansteckend war. Ohne Ansteckungsrisiko hab ich dennoch alle Aufgaben wahrgenommen. Waren ja wichtig und nicht optional.

„Nein“ sagen, gibt’s nicht.

Für mich kam so gut wie nie in Frage, nicht zuzusagen. Außer es lag tatsächlich außerhalb meiner Kompetenzen oder es wurde mir durch eine Satzung aufgrund meiner mannigfaltigen Posten verboten. (Der Sprecher einer Fachschaft darf z.B. nicht gleichzeitig der Finanzmeister sein. Diese Posten schließen sich aus, sonst hätte ich das vermutlich auch noch gemacht.)

Gleichzeitig war oberstes Gesetz meiner Selbstgeißelung, dass ich niemandem eine Aufgabe aufbürde, um die er nicht aktiv bittet. Tut er das nicht, mach ich es selbst. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie meine To-Do-Listen explodierten.

Das ging lange gut.

Solange es gut ging, war es perfekt. Und ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück. Es hat sehr viel Kraft gekostet aber mir auch sehr viel Erfüllung gegeben. Leider hat die Erfüllung irgendwann nicht mehr gereicht, die verbrauchten Kräfte wieder aufzufüllen.

Inzwischen ist es leider so, dass der reine Gedanke an Aufgaben in mir Panikattacken und Beklemmungen auslösen können. Das Gefühl, dass ständig jemand an einem zerrt, geht dann nicht mehr weg. Wenn ich jetzt daran denke, eine Verpflichtung in irgendeiner Art einzugehen, könnte ich einen Heulkrampf bekommen. Deswegen verabrede ich mich momentan auch mit niemandem. Das ist dann nämlich in Stein gemeißelt, egal wie schlecht es mir an dem Tag geht. Eher quäle ich mich dort hin und vermiese den anderen den Tag als dass ich absage! – Wobei, das mit dem Absagen wird ganz, ganz langsam besser. Aber wirklich nur ganz langsam. Das nennt sich dann mentale Selbsthygiene und das muss ich ganz dringend noch lernen.

Das Gefühl von Pflicht habe ich mir gründlich kaputt gemacht. Deswegen arbeite ich gerne Projekt-befreit. Das Verkaufen von Postkarten und Drucken ist einfach ideal für mich. Sie sind fertig und niemand ist gezwungen, sie zu kaufen. Ich muss nicht marktschreierisch umher brüllen und niemand sagt mir „Ich habe dich bezahlt, also arbeite.“ – Ich hab ja schon gearbeitet. Das ist ein viel besseres Gefühl, als etwas noch machen zu müssen.

Das ist sogar noch besser gesagt, das einzige Gefühl, das momentan erträglich ist.

2 Idee über “Ja klar, mach ich. – Erkenntnisse über Burnout

  1. Natacha sagt:

    Oh Liebe Julia,

    wie sehr kann ich dich nachvollziehen. Willkommen in der Generation Burnout sag ich nur. Ich bin zwar selbst noch nie „richtig“ betroffen gewesen, allerdings habe ich auch schon vor einiger Zeit gelernt einen Punkt zu setzen. Das fällt mir jedes Mal unglaublich schwer. 4 Buchstaben. N E I N. So kurz, so einfach. So schwer. Hät der Tag 36 Stunden wär mir immer noch nicht langweilig. Hätte der Tage 72 Stunden genau so wenig. Ich hab es bis auf die Spitze getrieben und mich mit Schlaftrainings auseinandergesetzt wo man über den Tag verteilt immer nur Naps und nur in ner Nacht 3 Stunden schläft. Dann hat man insgsamt 4.5-5 Stunden geschlafen und fühlt sich fit und energisch… jedenfalls eine Zeit lang. Und dann wird alles schwerer. Alles wird dunkler, grauer, Unzufriedenheit macht sich breit.

    Die Erkenntnis, dass „hier irgendwas“ nicht stimmt, die kommt dann bei dem einen früher, beim anderen später und der andere wiederum macht das bis er morgens nicht mehr aufstehen kann.

    Ich wünsche dir einfach unfassbar viel Spaß an deinem Leben. Ganz gezielt sage ich nicht viel Erfolg, denn der kommt immer wenn man Spaß hat.

    Liebe Grüße,
    Natacha (von damals tacha design – was heute offiziel im Gewerbeamt abgemeldet wird)

    • Julia sagt:

      Liebe Tacha,
      Vielen Dank für deine Worte. Generation Burnout passt vielleicht ganz gut, auch wenn immer noch viele die Augen davor verschließen und viele es nicht wahrhaben wollen. Wie geht es jetzt bei dir weiter? Hast du einem Plan für die Zukunft?
      Alles Liebe, Julia

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